Erfahrungsbericht APAHT Menzel Temime 2007/08
Tunesien - Andere Zeit, Wüste, Islam
Hitze, Wüste, winzige Dörfer und Moscheen - Mit einem solchen Bild saß ich im Flugzeug als, ich das erste Mal den europäischen Kontinent Richtung Tunesien verließ. Das habe ich aber erst später gesehen und erfahren. - Zunächst fuhr ich mit dem Nachwächter der APAHT durch die Großstadt nach Ariana. Die Hitze und vielen Moscheen waren schon mal da. Ich wurde natürlich sehr nett empfangen und der Wächter besorgte mit mir sofort eine Carta Tunisiana für mein Handy. Abends lud er mich ins Cafe ein und beim Tee bemerkte ich, dass ich mit meinem Französisch nicht überall weiterkomme. Meine Motivation Arabisch zu lernen war somit noch sehr hoch. Die ersten zwei Wochen in Ariana sind bunt und aufregend in meine Erinnerung eingegangen: Scharfes Essen, süße Tees, die ersten Bekanntschaften mit Tunesiern in meinem Alter und ein großes Sprachenwirrwarr.
Nach ein paar Tagen kam dann Michael an, von dem ich noch nichts wusste, noch nicht einmal wirklich, ob er mit mir arbeiten würde oder nicht. Auf jeden Fall wurde er ein Freund, der nicht nur unsere Reisen durch alle möglichen Ecken Tunesiens verschönerte, sondern auf den ich mich schon montags zum Weintrinken am Wochenende freute. Auch war es unverzichtbar, jemanden zu haben, der die gleichen Erfahrungen machte, sich über die gleichen Dinge wunderte, ärgerte oder lachte, und mit dem man das Erlebte verarbeiten, deuten und einordnen konnte.
Im Centre El Walid halfen wir schon bei ein paar hausmeisterlichen Arbeiten wie Tische Tragen oder Kleiderhaken an der Wand Befestigen. Manchmal wurden wir dazu von Mme Souad mit kräftigem Klopfen gegen unser Zimmerfenster geweckt, was wir nicht verstanden, da wir doch eigentlich noch Ferien hatten.
Unsere richtige Stelle fing dann erst auf dem Cap Bon an. Das bedeutete zunächst die Trennung von Michael. Für mich ging es nach Menzel Temime mit der Louage über eine kleine Straße. Links und rechts von mir sah ich von der Sonne verbrannte Felder und kaum Häuser, nur vereinzelt ein paar Bauern. Ich dachte, jetzt bin ich in Afrika. Ich kam in Menzel Temime an mit dem Gedanken an viel soziales Engagement und dem Tipp der Chefin aus Ariana, wir müssten uns Projekte ausdenken, denn dort werde unsere Hilfe sehr benötigt. Mein Chef Tej holte mich ab und stellte mir alle meine Kollegen vor. In der ersten Zeit richtete ich mein Zimmer ein, überaus froh endlich meine Privatsphäre, einen Schrank, Tisch und Bett zu haben. Dann auch noch eine richtige Dusche mit warmen Wasser, damit hatte ich nicht gerechnet. An den ersten Tagen musste so manches besorgt werden. Die Schule war komplett neu. Ich hatte kein Essen, kein Trinken und es gab nicht mal einen Spiegel (zumindest nicht für mich zugänglich). So fragte ich nach entsprechenden Einkaufsmöglichkeiten und war natürlich auch überaus gespannt auf die Menschen und deren Lebensweise. Da riet mir Tej, ich sollte versuchen, möglichst jeden Kontakt mit den Leuten zu vermeiden. »Les gens ne sont pas modernes ici!« Ich müsste also aufpassen. Darüber war ich sehr verwundert, da mich die tunesische Gastfreundschaft doch schon so erstaunt hatte. Seinen Tipp vergaß ich dann auch schnell wieder und nahm später das Angebot an, mit einem Mann auf seinem Mofa die lange Strecke in die Stadt mitzufahren und dieser half mir dann auch auf dem Markt einzukaufen (alles ohne etwas zu verlangen). Da ich ja unter der Woche viel Zeit hatte und Michael eine Stunde entfernt war, suchte ich am Anfang oft den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, bzw. junge Männer wollten die Freundschaft zu mir. Ohnehin war ich für viele schon nach den ersten paar Minuten "ihr Bruder", wobei klar ist, wie wenig Bedeutung man solch einer Aussage schenken sollte. Somit lernte ich nach und nach auch den Sinn von Tejs Warnung kennen, denn es waren nicht wenige Tunesier, die versuchten, in irgendeiner Art von mir zu profitieren - meistens in finanzieller Hinsicht, oder in der Hoffnung durch mich in ihr Paradies Europa zu gelangen. Es war oft sehr schwer, hier zu unterscheiden zwischen aufgesetzter Freundlichkeit und vielleicht echtem Interesse, das keinen Zweck verfolgt.
Ich freute mich sehr auf einen arabischen Sprachkurs, da ich mir die Schrift schon vorher in Deutschland beigebracht hatte, doch leider war Tunis mit der Bourguiba School zu weit entfernt und in Menzel Temime war nichts zu finden, was ich sehr bedauere. (Obwohl ich wahrscheinlich fündig geworden wäre, wenn ich nie aufgehört hätte, meine Kollegen "zu nerven", um mir suchen zu helfen. - Diese Mentalität, obwohl eigentlich nicht meine Art, kann in Tunesien wirklich nützlich sein.)
Ein Mitarbeiter der APAHT erzählte mir während der ersten Woche schon von seinem Sohn, der Deutsch lernen möchte und mir im Gegenzug Arabisch beibringen könnte. Super, dachte ich, da lerne ich die Sprache und jemand in meinem Alter kennen. Doch dass man ein Vorhaben dieser Art dort nicht im Geringsten ernst nehmen kann, begriff ich erst später (bzw. nie). Doch zumindest unternahm dieser Ahmed ab und zu etwas mit mir und ich verbrachte viele Abende des Ramadans bei seiner sympathischen Familie. Die Erfahrung des Fastens machte ich also auch und zweifle stark daran, dass diese Art gesund ist, wenn ich an das Bauchvollstopfen und die nächtlichen Süßigkeiten denke. Doch das gemeinsame Abwarten des Abendgebetsrufs sowie die langen heißen Nächte auf der Straße erzeugen wirklich eine wunderbare Atmosphäre, die ich gerne noch mal erleben will.
Unter der Woche rechnete ich damit, dass die Schule für meine täglichen Mahlzeiten automatisch sorgen würde, doch anfänglich klappte das lange Zeit weniger gut. Nach und nach lernte ich ein bisschen dringlicher dafür zu kämpfen und so bekam ich eigentlich immer etwas, auch wenn es öfters zu organisatorischen Diskussionen kam. (hauptsächlich: Wer kauft und wer zahlt?) Außerdem akzeptierten wir uns alle mit der Zeit immer mehr. Vorerst sah mich die Sekretärin Latifa eher als Störfaktor, da ich Geld kostete und sie nicht verstand, was ich denn dort alleine lebend sollte. Am Ende hat sie mich aber dann doch sehr gemocht.
Ich fragte in den ersten Wochen täglich, was ich arbeiten sollte und wann ich denn endlich eine richtige Aufgabe bekäme. Nie bekam ich eine Antwort, eher: Genieß es doch so, wie es ist! Das Anpassen an das langsame Leben habe ich irgendwann auch geschafft.
Ich machte immer wieder Aufräumarbeiten, befestigte Vorhänge, transportierte Rutsche oder Wippe von der alten Schule her und strich diese dann mit neuer Farbe an, oder kaufte Brot und Vesper für die Kinder und Lehrer, was später zu meiner täglichen Standardaufgabe wurde. Dabei nahm ich ab und zu ein Kind mit, was immer ein großer Spaß für alle bei Hanut wurde.
Auf Eigeninitiative spielte ich mit den behinderten Kindern oder schlug einer Lehrerin vor, mich für eine Weile um ein auffällig schwieriges Kind zu kümmern. Insgesamt muss ich sagen, dass dort wirklich eine komplett andere Arbeitsmoral herrscht und auch Abmachungen wie Treffen, Telefonate oder Besorgungen oft einfach nicht eingehalten werden. Ebenso lebte ich dort in einer anderen Zeitvorstellung, vielleicht einer zeitloseren Welt: Es ist egal, ob etwas jetzt geschieht oder übermorgen.
So kam es dann, dass Michael und ich ein größeres Projekt selbst anpacken wollten, was sehr viel Abwechslung mit sich brachte, sowie die Möglichkeit auch unter der Woche zu zweit zu arbeiten und leben.
Mit dem Wissen von El Qantara, dass von der deutschen Botschaft Geld für ein Projekt von uns zur Verfügung gestellt werden kann und natürlich dem Interesse eine Botschaft kennen zu lernen, ließen wir uns einen Termin bei der Deutschen Botschaft geben.
Nach monatelanger Arbeit, vielen Telefonaten und Besuchen bei Sportgeschäften und Absprachen mit Frau Hämmerle, der Verantwortlichen für Kleinprojekte, und schließlich auch ein Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Tunesien, konnten wir für mehrere tausend Euro eine Auswahl an Sport- und Therapiematerial sowie einen Computer für die Schulen in Nabeul und Menzel Temime zur Verfügung stellen.
Die Schulferien nutzten wir immer um Tunesien zu erkunden, was uns unter anderem in die Sahara gebracht hat. Dieses Umherreisen und ständig Neues Sehen, ungewöhnliche Situationen Durchleben, mit den Menschen und deren Verhältnissen in Kontakt Treten ist nicht nur äußerst spannend, sondern trägt für mich auch neben der Arbeit in der Schule zum Ziel dieses Freiwilligendienstes bei: das Kennenlernen dieses Landes. Dazu gehört natürlich der Islam, die Mentalität, die armen Verhältnisse, das Klima, die Arbeit, die Freizeit, usw. Damit einher geht, dass ich von meinem Denken und meiner Welt auch etwas an manche Menschen dort vermitteln konnte. Ich hoffe, es folgt daraus, dass zwei verschiedene Kulturen lernen, sich zu verstehen, zu respektieren und vielleicht voneinander zu lernen.
Das Frauenbild von vielen Männern dort ist erschreckend, man versteht nicht, warum sie verschleiert sein sollen und es zwei komplett verschieden Welten von weiblicher und männlicher Bevölkerung zu geben scheint. Das Fehlen von Demokratie und der allzeit präsente Ben Ali sind fremd und gewisse Verhaltensweisen sind verwunderlich, jedoch kann man nach so einem Jahr alles viel besser deuten und beurteilen.
Dieser Auslandsaufenthalt wird mich für mein ganzes Leben persönlich geprägt haben und hat mich für die großen und facettenreichen Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zwischen Industrienationen und Entwicklungsländer, sowie deren Bedürfnisse und Herausforderungen sensibilisiert.
Für dieses erfahrungsreiche Jahr, das sich überaus konstruktive auf meine eigene Entwicklung ausgewirkt hat und meinen Horizont unbeschreiblich erweitert hat, bin ich El Qantara sehr dankbar! Ich hoffe, dass noch viele Junge Männer (und vielleicht irgendwann Frauen) die Chance bekommen, nach ihrem Schulabschluss die Welt - zwischen Sand, Meer und unter Palmen - so ganz anders kennen zu lernen!